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Verfrühtes Ostern

Über eine Besonderheit des Markus-Evangeliums und warum der 2. Fastensonntag 2024 schon so österlich klingt, schreibt Pastoralreferent Michael Michels in der Predigtauslegung der Bistumszeitung "Paulinus"
Titelblatt des Paulinus
Datum:
18. Feb. 2024
Von:
Michael Michels

Von Pastoralreferent Michael Michels

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Kaiser Joseph II. erklärte 1776 per Dekret, dass Stücke im Wiener Burgtheater ein glückliches Ende haben mussten. Anders ausgedrückt: In Wien gab es eine Zeit lang „Happy-End-Pflicht.“ Ziel dieses Dekretes war es, die kaiserlichen Zuschauer – und wahrscheinlich auch sich selbst – nicht mit schlechter Stimmung nach Hause gehen zu lassen. Viele Handlungen mussten in dieser Zeit abgeändert beziehungsweise mit einem sogenannten „Wiener Schluss“ versehen werden, um im Burgtheater gezeigt werden zu dürfen. Sogar Romeo und Julia und auch Hamlet überlebten in dieser Zeit in Wien ihre Stücke.

Man könnte schnell auf den Gedanken kommen, dass Kaiser Joseph II. auch beim Markus Evangelium, aus dem wir an diesem Zweiten Fastensonntag hören, seine Finger im Spiel hatte. Denn Bibelwissenschaftlicher sind sich sicher: Das Evangelium endet eigentlich in der Ostererzählung mit Kapitel 16, Vers 8. Dort heißt es über die Frauen am Grab, die die Botschaft der Auferstehung zuvor empfangen haben: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Am Ende des Markus-Evangeliums steht Schrecken und Entsetzen, die Osterbotschaft löst Angst und keine Freude aus. So wurde im Laufe der Geschichte dem Markus Evangelium ein zusätzlicher und nicht ursprünglicher Schluss beigefügt. Jesus erscheint dort in den Versen 9-16 Maria von Magdala und seinen Jüngern persönlich, es gibt einen Missionsbefehl, der Herr wird zur Rechten Gottes in den Himmel aufgenommen und die Ergänzung endet mit dem schönen Satz: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.“ – Happy End!

Vielleicht fragt sich nun der ein oder andere, warum ich am Zweiten Fastensonntag schon so deutlich auf das Osterfest blicke. Das tue ich, weil es diesen angefügten Schluss im Markus-Evangelium nie gebraucht hätte. Für mich ist das heutige Evangelium die eigentliche Ostererzählung bei Markus. Das hat zwei Gründe:

Zum einen – ganz pragmatisch betrachtet – passiert hier das, was an Ostern angekündigt wird: Die Begegnung der Jünger mit dem in ein göttliches, nach-österliches Licht gestellten Jesus in Galiläa.  

Zum anderen – und das finde ich deutlich entscheidender – tauche ich hier mit den Jüngern gemeinsam ein in das Geheimnis der Göttlichkeit Jesu, seiner unvorstellbaren Größe und Erhabenheit über den irdischen Dingen und den großen Geheimnissen unseres Glaubens, vom Bund Gottes mit Israel über die Passion und Auferstehung bis zur Nachfolge. Und dabei kann ich mich mit den drei Jüngern so wahnsinnig gut identifizieren. Zunächst einmal sind Sie mit der Situation überfordert. Obwohl sie schon so vieles wissen und verstehen sollten (Vgl. Mk 8,27-9,1) können sie das, was auf dem Berg passiert, nicht einordnen. Der Vorschlag, Hütten zu bauen, ist ein wohl eher verzweifelter Versuch, das besondere Geschehen, das nicht festzuhalten ist, festzuhalten. Und doch: Der Anblick des verwandelten und „verklärten“ Jesu und die Himmelsstimme ermutigt die Jünger dazu, den Weg der Nachfolge vertrauensvoll und mutig mitzugehen, auch in die bevorstehende Passion.

Das Bild, das der Evangelist Markus hier von den drei ausgewählten Jüngern zeichnet, es holt mich in meinem Glaubensleben gut ab. Wie oft spüre ich doch, von der Größe und der Erhabenheit Gottes überfordert zu sein. Wie häufig gerate ich in Zweifel, wie oft ist mein Glaube eher Aktionismus als tatsächliches Vertrauen. Und wie schnell, um nun auch die Frauen am Grab nochmal in die Überlegungen mit einzubeziehen, bin ich von Angst und Schrecken gepackt, wo doch eigentlich österliche Freude und Erlösung stehen sollten.

Es sind gesellschaftliche wie kirchliche Fragen, die meinen Glauben gerade sehr berühren, die mein Vertrauen angreifen und mich mit einem Gefühl von „Unerlöstheit“ zurücklassen. Eine in weiten Teilen scheinbar entsolidarisierte, egoistische Gesellschaft mit Ausdrucksformen wie Rechtsruck und AfD berührt mich tief in meinem Inneren, ebenso wie die entsetzlichen kriegerischen Handlungen an so vielen Orten auf der Welt oder meine eigene tiefe Verbindung und Mitarbeit in einer Institution, in der die höchsten Stellen auch im Jahr 2024 noch in scheinbaren Fortschritten das Wort „irregulär“ benutzt, wenn sie von vertrauensvollen menschlichen Beziehungen spricht.

Ich mag das Markus-Evangelium sehr. Weil es mir Platz lässt für meine Fragen, meine Sorgen, meine Ängste, mein „Klein-Sein“, im Glauben wie in der Welt. Und Markus lässt mir im ursprünglichen Sinne des Evangeliums diesen Platz, ohne all das, was auch zum Leben gehört, mit einem „Wiener-Schluss“ naiv zu übertünchen. Die Leseordnung schenkt mir mit Markus heute, am Zweiten Fastensonntag, ein verfrühtes Osterevangelium, das mir bei allen Zweifeln und Sorgen versichert: Auch wenn du nicht alles verstehst, Gott handelt immer größer als du es dir vorstellen kannst.